Beruflich befasse ich mich also mit E-Learning und dem medienvermittelten Lernen. Man arbeitet an dem und mit dem und über den Computer. Den ganzen Tag. Klar, so einer hat einen hohen Verschleiss und braucht irgendwann einen neuen Rechner. Kommt dazu, dass ich bekennender Fan und Vertreter von Open Source Lösungen bin. Da ich zudem nicht nur darüber reden, sondern auch konsequent handeln will ist auch klar, dass ich nicht jeden Computer in mein Büro stellen kann. Diesmal startete ich einen erneuten Versuch, einen Händler zu finden, der das hat, was ich brauche (auf Unixe abgestimmte Hardware, an der ich nicht lange basteln muss) – und es mir dann auch liefert. Ich bin sogar bereit, etwas mehr zu bezahlen (obwohl die Linux-Betriebssysteme ja gar nichts kosten), weil ich kleinere Unternehmen fördern und die Idee unterstützen will. Also – es soll ein politisch korrekter Computerkauf werden. Nach langer Recherche entschied ich mich für den Linux-Onlineshop. Soweit passt alles und das Unternehmen sieht soweit erstmal “politisch korrekt” aus.
Timeline:
03.11.: Kaufentscheidung. Der Linux-onlineshop sagt, 7 Werktage braucht es, bis der Rechner rausgeht. Nicht schnell, aber wenn man weiss, womit man kalkulieren muss…
Nachtschicht vom 03.11.: Rechner bestellt. Das Geld zieht im gleichen Moment ein englisches Unternehmen ein, von dem ich noch nie gehört habe, und das sich anschickt, nun der Kreditkartenbuchungsverwalter meines Vertrauens zu werden (indem es meine sämtlichen Daten erhebt). Mir wird mulmig. Zertifikate stimmen, der Prozess scheint korrekt, aber irgendwie…
12.11.: 7 Werktage sind verstrichen. Meine Bestellung hat unverändert den Status “in Bearbeitung”. Es wird eben ein wirklich gut geprüftes, solide konfiguriertes System. Ich gedulde mich.
16.11.: Ich werde langsam nervös. Schliesslich kenne ich den Lieferanten nicht, und wer sagt, dass der Linux-onlineshop nicht einer von denen ist, die Geld einziehen, aber keine Ware liefern? Im Internet gibt es alles, und mein Vertrauen hat der Händler noch nicht verdient. Ich schreibe eine E-Mail über das Kontaktformular.
17.11.: Aha – immerhin. Es gibt Menschen hinter dem online-shop. Eine effiziente Mitarbeiterin schreibt mir eine Einzeler-E-Mail: “Ihre Bestellung verlässt im Laufe der nächsten Woche unser Haus.” Soso. Na dann warte ich eben noch ein bisschen. Aber doch möchte ich gerne wissen, warum das Versprechen lautet “7 Werktage” – und die Wartezeitnun schon das Doppelte beträgt. Ich hake nach und erfahre: “Aufgrund des derzeit hohen Aufkommens kommt es leider zu Lieferverzögerungen.” Wunderbar. Die gute Sache der offenen Hardware nimmt richtig Schwung und die Kunden rennen den Lieferanten dafür den Laden ein. So soll es sein.
17.11.: Heise.de informiert mich (News vom 13.11.) via social network, dass alle Händler massive Lieferprobleme haben, da das Hochwasser in Thailand die Herstellung von HDs massiv beeinträchtig. “…Von der Flutkatastrophe betroffen sind vor allem Westen Digital, Toshiba, Seagate und einige Zulieferfirmen etwa für Spindelmotoren.”
21.11.: Informierte Freunde sharen die C’T-News: “…Alternate… noch vorhandene “Altware” ist um 150-200% teurer geworden auf jetzt 250-300% des vorherigen Preises. Alles andere ist eh nicht lieferbar und mit “Phantasiepreisen” versehen.” Die Preis- und Lieferbarkeitsschraube dreht sich immer schneller. Speicherpreise steigen allerorten in unbekannte Höhen. – Ich schaue nochmal nach: Das bestellte Modell hat eine Festplatte von Western Digital. Vielleicht doch kein Kundenansturm?
24.11.: Die angesprochene Woche ist morgen um. Der Status steht unverändert auf “in Bearbeitung”. Ich überlege die nächsten Schritte und werde morgen wohl aktiv werden müssen. Langsam interessiert mich ernsthaft, was aus meinem Geld geworden ist und ob ich mit einer Lieferung wohl überhaupt noch rechnen darf. Mir drängt sich die Frage auf, wie ich die Kommunikation des Händlers einschätzen soll. Ich bin mittlerweile eher geneigt zu glauben, dass der Händler derzeit gar nicht liefern kann. Aber das würde ich dann gern wissen. Mitgeteilt hat er mir nur, dass der Andrang so gross ist. Seine Glaubwürdigkeit ist jedenfalls stark gesunken. Da ich gerade mit dem Kollegen Steven Strehl zusammen ein Lehrwerk über Social Media in Unternehmen geschrieben und dafür Praxisfälle der Unternehmenskommunikation gesammelt habe sind mir zu viele Fälle bekannt, in denen Unternehmen die Macht sozialer Medien nicht wirklich richtig oder fatal falsch eingeschätzt haben. Einen facebook-Button auf der Seite zu haben ist vielleicht hübsch. Mit diesen Medien umgehen zu können ist aber etwas anderes. Dann müsste die Unternehmenskommunikation schneller und vor allem ehrlicher und transparenter sein. Die uralten Forderungen des Cluetrain Manifestes sind nach über 12 Jahren immer noch Zukunftsmusik für die allermeisten Kunden. Mal sehen, was die Kommunikation morgen bringt…
25.11.: Die telefonische Nachfrage bringt kein Ergebnis. Alle Verantwortlichen sind zu sehr beschäftigt, um sich mit Kunden zu befassen - rufen aber zurück. Ich bin gespannt. Einen Anruf erhalten ich nicht. Am Abend kommt immerhin eine E-Mail: “Aufgrund der großen Nachfrage sind wir derzeit leider in Verzug.” Das habe ich doch schonmal gelesen? “Ihr PC verläßt allerdings im Laufe der nächsten Woche definitiv unser Haus!” Eigentlich die gleiche E-Mail wie vorher, nur dass da jetzt steht “definitiv”. Es gibt also Versprechen und definitive Versprechen. Muss man wissen. Bedeutet im Endeffekt: Es sind nun mindestens 5 Wochen bis zu einer möglichen Auslieferung. – Ich setze schriftlich eine Frist, um bei der nächsten, ganz besonders definitiven Zusage, vom Vertrag zurücktreten zu können. Abgesehen von dem Arbeitsaufwand, den es mir macht, finde ich es ausserordentlich bedauerlich, wenn ausgerechnet im open source Segment professionelle Ansprüche an Management und Kommnikation nicht möglich sind. Kann man den Nutzern anderer Systeme irgendwann nicht mehr verübeln, wenn sie dem Mainstream folgen. Er fällt einfach enorm schwer unter den Bedingungen für eine alternative Produktstrategie zu argumentieren. Einem Business-Kunden würde ich jedenfalls nicht empfehlen, sich darauf einzulassen.
