
Am Tag der Medienkompetenz durften auch Digital Immigrants spielen - Stand des Departements Angewandte Psychologie der ZHAW
Der 1. Nationale Tag der Medienkompetenz fand letzte Woche Donnerstag schweizweit mit dezentralen Informationsveranstaltungen und lokal mit einem „Fachforum Jugendmedienschutz“ in Fribourg statt.
Bereits im Vorfeld war ich sehr gespannt, welche Stimmung wohl an diesem Tag der Medienkompetenz herrschen würde. Als sog. Digital Native legt sich meine Stirn in Falten, wenn ich höre, dass Jugendliche zu allererst vor digitalen Medien geschützt werden müssen.
Glücklicherweise hat Bundesrat Didier Burkhalter gleich am Morgen des Fachforums in seiner Eröffnungsrede einen für den Tag richtungsweisenden Impuls gegeben. Er sprach von der „Telefonwahlscheiben-Generation“, die zu einer digitalen Welt gestoßen sei, in der ihre Kinder geboren und aufgewachsen seien. Meines Erachtens ist die Unterscheidung zwischen Digital Natives und Digital Immigrants eine wichtige Grundlage, um die Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien zu fördern. Nicht jedoch, um den älteren Generationen Kompetenz abzusprechen, sondern um sich immer wieder darüber im Klaren zu sein, dass aufgrund der rasanten technischen Entwicklung hier beide Seiten voneinander profitieren können. So schloss auch Burkhalter mit der Forderung, Kinder in der Nutzung digitaler Medien nicht zu überbevormunden, sondern vor allem die Chancen in der Nutzung zu sehen ohne aber die Gefahren aus dem Blick zu verlieren.
Die soziale Herkunft entscheidet in hohem Maße über den Zugang zu mediendidaktischen Angeboten und der Möglichkeit, in der Familie gemeinsame Erfahrungen mit digitalen Medien zu sammeln. Daher finde ich es wichtig, in verschiedenen Lebensbereichen von Kindern und Jugendlichen anzusetzen: Schule, Familie und Freizeit.
Im Folgenden habe ich einige erwähnenswerte Ansätze aus den Foren „Social Media, Smartphones, Cybermobbing und Co.“ und „Peer Education und Förderung von Medienkompetenz in der Jugendarbeit“ sowie den Input-Referaten zusammengestellt.
Förderung der Medienkompetenz in der Schule
Der Medienkompass ist ein vom Fachbereich Medienbildung der Pädagogischen Hochschule Zürich verfasstes Lehrbuch für die Primar- und Sekundarstufe. Lehrpersonen bietet er einen schnellen Überblick über mediendidaktisch relevante Themen. So zum Beispiel die Angabe von Quellen bei der Nutzung von Bildern und Texten aus dem Internet in der Primarstufe und die Vertiefung des Themas in Bezug auf Urheberrecht und Creative Commons in der Sekundarstufe.1 Die Lerneinheiten sind autark und können nach Bedarf in den Unterricht integriert werden.
Der Forderung nach Verwendung von mobilen Geräten wie Laptops, Smartphones oder Tablet PCs im Unterricht wurde im Fachforum „Wie sieht ein positiver Medienalltag aus?“ Nachdruck verliehen. Aufgrund eines Raumwechsels fand ich mich allerdings im Fachforum „Peer Education und Förderung von Medienkompetenz in der Jugendarbeit“ wieder. Dort wurde die Notwendigkeit der gemeinsamen Nutzung von digitalen Medien und mobilen Endgeräten von Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun der Universität Basel angesprochen: „Jugendliche halten Partizipationsmöglichkeiten durch Internet und mobile Geräte für normal und fordern das auch.“ Genau hier setzt dann auch der Anspruch an die Inhalte pädagogischer Studiengänge der Ko-Autorin des Medienkompasses Prof. Friedericke Tilemann an. In ihrem Input-Referat zur Abschlussdiskussion des Fachforums forderte sie, dass die medienpädagogischer Ausbildung ein fester Bestandteil pädagogischer Studiengänge werden solle. Dies schließt für mich eine Fachdidaktik für den Einsatz mobiler Geräte und Social Media im Unterricht ein.2
Förderung der Medienkompetenz in der Familie
„Je ärmer die Familie, desto früher haben die Kinder ihren eigenen PC.“ Diese Schlagzeile des Tagesanzeigers vom Vortag der Konferenz war in aller Munde.3 Gerade in diesen Familien wird besonderer Handlungsbedarf gesehen, Eltern anzuhalten und zu befähigen, digitale Medien gemeinsam mit ihren Kindern zu nutzen. Prof. Tilemann fordert niederschwellige Angebote für Eltern. Meine Bedenken diesbezüglich sind, dass in Familien, die nicht der klassischen Vater-Mutter-Kind(er)-Struktur entsprechen, sondern zum Beispiel aus alleinerziehenden berufstätigen Müttern oder Väter bestehen, diese Art der “Aufklärungsarbeit” oder Sensibilisierung nur unzureichend geleistet werden kann. Solche Angebote können aber nicht greifen, wenn in einer Familie aufgrund der Lebenssituation weder regelmäßig Zeit noch Kraft da ist, diese wahrzunehmen. Daher denke ich, dass die Freizeit der Kinder und Jugendlichen ein optimaler Zeitraum ist, um auf Gefahren im Umgang mit Medien hinweisen zu können.
Förderung der Medienkompetenz in der Freizeit
Im Fachforum zu Peer-Education thematisierte Prof. Dr. Neumann-Braun der Universität Basel die Voteile des “Voneinander-Lernens”, aber auch die Rahmenbedingungen, die Förderer schaffen müssen, damit dies möglich ist. Als vorbildliches Beispiel für Peer-Education wurden die Medienscouts im Deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen2 genannt. Dieses Fallbeispiel erfüllt die von Neumann-Braun als unabdingbar für den Erfolg von Peer-Education-Projekten genannten Anforderungen: altersgleiche Gruppen, informeller Rahmen, selbstbestimmtes Lernen und die ausschließliche Erfüllung des Selbstzweckes. Gerade der letzte Punkt scheint kritisch zu sein, da Geldgeber immer einen messbares Resultat oder einen Mehrwert für eine Institution fordern. Der Mehrwert hier ist in der Gesellschaft zu finden. Wenn junge Menschen Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch betreiben, ohne dies so zu nennen, ist dies schwer in Zahlen anzugeben. Da stellt sich die Frage, ob man Medienkompetenz denn überhaupt messen kann?
Wer von Peer-Education spricht, ist schnell beim generationenübergreifenden Lernen: was können Digital Natives von Digital Immigrants lernen und umgekehrt? Aus dieser Fragestellung resultieren dann auch weitere gesellschaftliche Themen, die mit der Wirkung von Social Media und dem Internet als Wissensquelle in Zusammenhang stehen: Wie kann Cyber-Mobbing durch eine vertrauensvolle Thematisierung von Netz-Aktivitäten vorgebeugt werden? Wie definieren die Menschen, die Universitätscurricula verfassen, den Wissensbegriff und wie definieren ihn jene, die nach diesen Curricula studieren? Wie lernen Digital Natives?
Aus dem Fachforum Jugendmedienschutz bin ich mit einer Frage herausgegangen, die mich prinzipiell im Lernalltag beschäftigt: Warum ist es so schwierig, dass Lernende und Lehrende gemeinsam den Lernalltag gestalten, egal ob es um Softskills oder Fachwissen geht? Medienkompetenz kann man nur mit Erfahrungen erreichen, durch Diskussionen, Dialog und Austausch zwischen den Generationen, die in so verschiedenen Medienwelten aufgewachsen sind.
1 Informationen zum Medienkompass: http://www.medienbildung.ch/content-n37-sd.html
2 An der Fachstelle für Neues Lernen haben wir im Juni 2011 erstmalig einen „Hands-on“-Workshop zu betrieblicher Aus- und Weiterbildung gegeben mit Social Media und mobilen Endgeräten gegeben: Mobile- und Social Media-Learning.
3 Mehr dazu im Blogartikel von Prof. Dr. Heinz Moder der PH Zürich: http://heinzmoser.wordpress.com/2011/10/31/chancengleichheit-beim-pc-medienpadagogische-verrenkungen/
4 Informationen zu den Medienscouts Nordrhein-Westfalen: http://mediendidaktik.uni-duisburg-essen.de/medienscouts

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